Heute, Sonntag, war ein ganz spezieller Tag. Denn am 21. Juni wird die offizielle Sonnenwende gefeiert. Das Fest findet einerseits am längsten Tag des Jahres statt andererseits zusätzlich von der Nacht am 23. Juni auf den 24. Juni. Diese Tage gelten bei den skandinavischen Ländern generell als Feiertage und die Stadt Riga ist zu dieser Zeit fast komplett ausgestorben und nur von Touristen belegt. Die Letten fahren hinaus aufs Land, besuchen Familien und feiern das traditionelle Fest mit Freunden und Verwandten.
Wir hatten das Glück an eines der offiziellen Jani Feste am 21. Juni eingeladen zu sein. Anna holte uns nach dem Aufstehen am Morgen ab und nahm uns zu sich nachhause wo wir von ihrer Mama mit Pfannkuchen zum Frühstück empfangen wurden. Das Haus ist sehr klein und renovierungsbedürftig. Anna und ihr Bruder erzählten uns wie dazumal die Grosseltern Geld hatten und gerne in ein Haus investieren wollten, jedoch nur dieses Haus zur Verfügung stand. Mit der Mama von Anna konnten wir uns nur mit Händen und Füssen verständigen, da diese weder Englisch noch Deutsch konnte. Anna und Jan (der ebenfalls schon ziemlich gut lettisch spricht) haben sich Mühe gegeben alles zu übersetzen.
Das Auto vollgepackt mit Decken, Trachten, Jacken und Schnur (komme ich später dazu) gings los in Richtung Norden. Wir wurden von Annas Freunde in das Landhaus der Eltern eingeladen. Auf dem Weg dahin besuchten wir das bekannte geschichtsträchtige Schloss.


Nach ein paar Telefonaten mit Christa, die wir besuchten, haben wir kurz vor dem Ziel gestoppt und unsere ersten Blumen für den Kranz gepflückt. Denn Daniela wollte ja unbedingt Margarethen im drin haben. Später sollte ich erfahren, dass Frauen mit weissen Blumen im Kranz als faul gelten, da diese überall zu finden seien. Anyways…

Im Landhaus erwartet uns eine wunderschöne Landschaft und ein einsames Haus, welches ziemlich alt uns sehr einfach ausgestattet war. Das Plumsklo haben wir definitiv nicht vermisst bis heute.
Die Elteren von Christa fahren da jedes Wochenende hin und pflegen den Garten und die 7 Bienenstöcke. Schnell die letzten Blumen gepflückt und zusammen mit den anderen die Kränze gefertigt. Gar nicht so einfach das Ganze. Mit Schnur kann man die Blumen dann aber einfacher befestigen und somit entsteht ein wunderschöner Blumenkranz.



Alle die Jani/s heissen müssen übrigens einen Kranz aus Eichenblätter tragen.

Nach einem feinen Essen mit vielen selbstgemachten Gebäcken und Salaten gings bei strömendem Regen und dick eingepackt los.

Nach einer weitere Stunde Fahrt waren wir endlich da. Am Berg, laut den Letten. Am Hügeli, laut den Schweizern. Das Ziel war natürlich die Spitze des Berges, denn da sollte das Feuer angezündet werden. Doch nicht so schnell. Alle 34 schichten angezogen, Regenponjo und Blumenkranz aufgesetzt, gings los. Den Spitz des Berges war von unten gut zu erkennen. Der Aufstieg kein Problem. Aber da erwartete uns das erste mit wenigen Blumen geschmückte Tor.

Und dann hiess es 7 Mal um den Hügel laufen. 5km rundherum, 7 Ttore die einem erwartete bis man endlich nach über einer Stunde silent walk, ganz für sich alleine, oben ankam.

Der Weg war matschig, denn es regnete in strömen und alle Leute die es bereit bis oben geschafft hatten, zeichneten den schmalen Weg.

Los gings also. Das Ziel; bei jeder Umdrehung des Hügels sollte man eine Blume pflücken, die man dann beim Tor einsteckte. Beim ersten Tor entfernte ich eine Blume aus meinem Kranz die mir nervig ins Gesicht hing und dann gings los auf die erste Umdrehung. Wir liefen hintereinander, ein paar schwatzen leise, Jan zog ziemlich bald alleine davon. Der Weg war mühsam zu bestreiten. Immer wieder rutschte ich in meinen Gummistiefeln im Matsch aus. Schnell wurde mir warm und ich überlegte mir die ganze Zeit ob ich nicht einfach die Abkürzung nach oben nehmen sollte. Nach ein paar Minuten pflückte ich meine Blume. Ich suchte mir eine schöne grosse Weisse aus und nahm sie unter meinem Regenponjo. Je länger ich aber lief, und der erste Weg war logischerweise der Längste, desto belastender empfand ich die Blume. Sie wurde lästig, weil ich keine Hand mer frei hatte um mich auszubalancieren, denn in der anderen Hand hielt ich eine warme Decke. Dann war da noch so ein nerviger Falter auf der Blume, der sich unter meinem Ponjo verfing und Steffi musste mir helfen diesen zu entfernen. Endlich beim zweiten Tor angekommen, konnte ich die Blume hinlegen. Ich entschied die Blume als unnötigen Balast in meinem Leben zu sehen, den man sich selber aussucht, vielleicht schön aussieht und mit dem man sich vor anderen rühmen kann, jedoch mit der Zeit ziemlich belastend werden kann. Beim nächsten Weg pflückte ich meine Blume erst kurz vor Schluss und war sie dementsprechend auch schnell wieder los.
Jeder ging sein eigenes Tempo und somit gab es Raum für eigene Gedanken. Die Letten nehmen diesen Weg zur Gehmeditation, bei der sie bei jedem Schritt worte denken, die einem gerade in denn Sinn kommen.
Nach über einer Stunde, um ca
23 Uhr befand ich mich auf Weg Nummer 6 und sah wie das Feuer anfing zu brennen und hörte leise Gesänge aus der selben Richtung. Die letzten Meter waren kein Problem mehr, denn ich freute mich riesig auf das was kommen würde. Jan war bereits im tanzenden Kreis integriert und ich reihte mich ebenfalls ein bis die anderen kamen. Es war mittlerweile fast dunkel. So tanzten und sangen wir in die Nacht hinein. Sie sangen von Blumen, guter Ernte und Familienzusammenhalt. Sie verabschiedeten die Sonne und somit den ersten Teil des Jahres. Zwischendurch wurden 8 weitere kleine Feuer ums grosse Feuer angezündet, wo die ganze Masse jeweils singend mitging.

Etwas später wurde dann ein brennenden Strohrad den Berg hinunter gestossen. Danach gings den Hügel hinunter auf einen kleinen Fussmarsch zum See, wo die Männer mit den Fackeln ein Floss mit brennendem Stroh in den See stiessen. Diese zogen sich dann auch gleich aus und begleiteten das Floss bis in die Mitte des Sees. Die Frauen waren etwas später dran. Wir verzichteten übrigens und nahmen den Rückweg als Möglichkeit heimzufahren, denn wir hatten noch eine lange Heimreise vor uns und das im Dunkeln.
Um 3 Uhr lagen wir dann völlig übermüdet im Bett und es war dann auch egal, dass in unserem Zimmer 20 Mücken und 10 Spinnen herumschwirrten.